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Interkulturelle Kompetenz in der Bundeswehr

Ein Gastbeitrag von Dr. Uwe Ulrich,
Oberstleutnant bei der Bundeswehr

Durch zunehmende Globalisierung, die Einbindung Deutschlands in internationale Strukturen und die Öffnung der Gesellschaft für Angehörige anderer Kulturen und Religionen wird die Entwicklung und Verbesserung von Interkultureller Kompetenz (IkK) zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Ein Thema von nationaler Bedeutung, dem sich auch die Bundeswehr als Teil der Gesellschaft stellt. Es gilt im Sinne einer modernen Personalgewinnung und -entwicklung, Soldatinnen und Soldaten bzw. Zivilpersonal unterschiedlichster Biographien zu integrieren, die vorhandenen Potentiale zu nutzen und ggf. neue Fähigkeiten auf dem Wege zur Verwirklichung eines inklusiven Ansatzes in der Bundeswehr zu erschließen. Der Auftrag der Bundeswehr erfordert zudem stabile Persönlichkeiten - neben entschlossenem und handlungssicherem Auftreten beinhaltet dies insbesondere auch ethisch-moralisches Verantwortungsbewusstsein sowie darauf hin ausgerichtete fachliche, soziale und kommunikative Kompetenzen. Kulturelle und religiöse Vielfalt in der Bundeswehr, die multinationale Zusammenarbeit mit Verbündeten und Partnern aus der ganzen Welt sowie der Einsatzauftrag ggf. in fremdkulturellem Umfeld erfordern Interkulturelle Kompetenz. Diese kann am ehesten durch die Berücksichtigung der Thematik auf allen Ebenen und in allen Bereichen entwickelt werden - d.h. von der Personalgewinnung und -entwicklung bis hin zur angemessenen Berücksichtigung des Faktors Kultur in den Planungsprozessen.

Verständnis

Interkulturelle Kompetenz umfasst im Verständnis der Bundeswehr die individuelle Fähigkeit und Bereitschaft, sich im Grundbetrieb und im Einsatz der eigenen Biographie und der kulturhistorischen Basis, auf der die Bundeswehr ruht, bewusst zu sein, und sich auf diesem Bewusstsein aufbauend mit anderen Kulturen, Religionen, Lebenswelten und deren Besonderheiten angemessen auseinanderzusetzen. Es geht darum, einen persönlichen Standpunkt zu entwickeln, ihn nicht der Beliebigkeit preiszugeben, sondern ihn mit innerer Überzeugung zu vertreten - einen solchen aber auch anderen zuzugestehen, zu akzeptieren und zu respektieren. So kann verhindert werden, dass eigene Vorurteile die Bewertung fremder Handlungsweisen unbewusst beeinflussen. Ebenso kann auf diese Weise die psychische Stabilität, das (Selbst-)Vertrauen, die notwendige Gelassenheit und der Mut entwickelt werden, der für die Bewältigung komplexer Situationen im interkulturellen Kontext notwendig ist. Interkulturelle Kompetenz wird nicht als eigenständige Kompetenz betrachtet, sondern setzt sich aus einem Bündel von Sozial- und Selbstkompetenzen mit Bezug auf die Interkulturelle Situation zusammen. Neben den interkulturellen „Klassikern" wie Ambiguitätstoleranz, Empathie, Rollendistanz und Kommunikationsfähigkeit gehören auch Offenheit und die Bereitschaft, auf „Augenhöhe" zu kommunizieren, sowie eine dem Menschen und der Vielfalt menschlicher Lebensweisen zugewandte Haltung in dieses Kompetenzbündel. Hinzu kommen bedarfs- und funktionsgerechte landeskundliche und fremdsprachliche Kenntnisse sowie das Wissen um kultur- und religionsspezifische Besonderheiten.

 

Expertennetzwerk Interkulturelle Kompetenz / Interkulturelle Einsatzberatung

Die Entwicklung Interkultureller Kompetenz ist eine bundeswehrgemeinsame Aufgabe. Forschungs- bzw. Lehreinrichtungen wie die Universitäten der Bundeswehr, die Fachhochschule des Bundes, die Bundesakademie für Wehrverwaltung, die Führungsakademie der Bundeswehr, die Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation und nicht zuletzt das Zentrum Innere Führung halten dazu einschlägige Lehrangebote bereit. Weitere Dienststellen wie das Amt für Geoinformationswesen der Bundeswehr, die Gruppe Wehrpsychologie im Streitkräfteamt, das CIMIC-Zentrum der Bundeswehr, das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr sowie das Zentrum Operative Information setzen sich mit Interkultureller Kompetenz in Form von Lehre, Forschung und Beratung auseinander. Stärkung und Vermittlung Interkultureller Kompetenz ist zudem eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Daher wird auch die Zusammenarbeit mit bundeswehrexternen Einrichtungen (z.B. Bildungsträger und Interessenverbände) angestrebt. Das Ziel ist der Aufbau und die Institutionalisierung eines gemeinsamen Netzwerkes im Sinne einer „Plattform", die bundeswehrinterne und -externe Experten zusammenführt.

Das ISAF Trainingsboard

Die multinationale Zusammenarbeit mit Verbündeten und Partnern aus der ganzen Welt, ggf. der Einsatzauftrag in fremdkulturellem Umfeld und die Vielfalt des Personalkörpers der Bundeswehr, erfordern Interkulturelle Kompetenz. Deren Entwicklung wird daher seit langem als integraler Bestandteil eines umfassenden Ansatzes von Persönlichkeitsentwicklung verstanden. Im Rahmen der kulturspezifischen Einsatzvorbereitung besteht die Herausforderung, in kurzer Zeit viele Personen möglichst standardisiert, nachhaltig und motivierend auszubilden. Diese Kriterien werden z.B. durch das bewährte ISAF-Trainingsboards erfüllt, über dessen 2. Auflage hier berichtet wird.

Es handelt sich ganz allgemein um eine visuell ansprechend aufgearbeitete Ausbildungsunterlage im DIN A2 Format sowie eine Vielzahl von Anlagen - meist in Form bedruckter Klebeetiketten. Teams zu je ca. fünf Personen befassen sich innerhalb von ca. zwei Stunden, nach kurzer Darstellung und Diskussion einer realen Einsatzsituation, zunächst mit der Frage nach der eigenen (deutschen?) Kultur, im Weiteren dem vorhandenen Wissen (ggf. Stereotypen) über Afghanistan und später mit den Grundlagen afghanischer Kultur bis hin zu konkreten Verhaltenshinweisen. Dabei folgen die Teams den Anweisungen auf dem Board und setzen sich dabei diskursiv und reflexiv mit den Inhalten auseinander.

Alles beginnt mit der Geschichte einer Patrouille im Norden Afghanistans. Sie beschreibt eine Alltagssituation, die beinahe durch eine unangemessene Reaktion eines jungen Offiziers auf die offensichtlich „normale" Gewaltanwendung gegen Kinder und Jugendliche durch einen örtlichen Polizisten zu eskalieren droht. Anschließend geht es zunächst um die Reflektion der eigen Kulturstandards. Kurze Texte auf Klebeetiketten, die ein vermeintlich typisch deutsches Verhalten beschreiben, sind den dargestellten Kulturdimensionen zuzuordnen. Anschließend besteht die Herausforderung darin, diskursiv zu einer Gruppenlösung zu kommen hinsichtlich der Frage, wo man sich als Gruppe in den jeweiligen Dimensionen auf einer Skala wiederfindet.

Im zweiten Baustein geht es darum, ohne zusätzliche Informationen, in der Gruppe vorhandene Wissensbestände zu den Rubriken „Zeit", „Familie", „Religion", „Gender" und „Kommunikation" stichwortartig handschriftlich zusammen zu tragen. Im dritten Teil werden kurze Informationstexte aufgenommen, der Bezug zu den im ersten Baustein genannten Kulturdimensionen hergestellt und schließlich Bilder und Verhaltensregeln zugeordnet. Im vierten Baustein wird versucht, die afghanischen Kulturstandards in den bereits aus dem ersten Baustein bekannten Dimensionen graphisch vergleichend darzustellen. Die Herausforderung für den Moderator in dieser Phase besteht vor allem darin, trotz aller graphischen Vereinfachungen und stark unterschiedlicher Kulturstandards ein differenziertes Bild zu vermitteln, was aber oft schon durch die gruppeninterne Diskussion erfolgt. Im fünften Baustein wird der Bogen wieder zurück zum Anfang gespannt. Jeder Teilnehmer erhält die Verhaltensregeln als Aufkleber, verbunden mit dem Auftrag, diejenigen auszuwählen, die für den Betroffenen die größte Bedeutung haben.

Abschließend fasst die Gruppe die Ergebnisse auf einem Arbeitsblatt zusammen, in der Absicht, dem Ausbildungspersonal Hinweise auf Defizite, besondere Interessen und ggf. Fragen für die didaktische Nachbereitung und die Vorbereitung weitergehender Ausbildung zu geben. Nach Durchlaufen dieser Ausbildung erhalten die Teilnehmer neben der persönlichen Taschenkarte eine Ausbildungshilfe in Taschenkartenformat, die die gelernten Verhaltensregeln in eine kurze Hintergrundinformation einbettet und nicht als isolierte do´s und dont´s darstellt. Zweckmäßig ist es daher auch, dieses Ausbildungsmittel nicht als einzige kulturspezifische Vorbereitung zu betrachten, sondern sie möglichst zu begleiten, z.B. in Form von Vorträgen,  Diskussionen mit Landeskundlern, interkulturellen Einsatzberatern und ggf. auch einsatzerfahrenem Personal sowie der Lektüre von landeskundlicher Literatur.

Das hier vorgestellte Trainingsboard trägt dazu bei, Interkulturelle Kompetenz praxisnah und in einem gemeinsamen Verständnis auszubilden. Dieses Ausbildungsmittel ist für die Grundsensibilisierung gut geeignet und vermittelt ein hinreichend differenziertes Bild afghanischer Kultur. Es können sowohl kleine Gruppen als auch eine große Anzahl von Personen ausgebildet werden. Die Wirksamkeit ergibt sich insbesondere aus dem Kleingruppenansatz, bei dem sich der Einzelne nicht „verstecken" kann und dem hohen Anteil von Eigenreflexion. Zudem bietet die Methode den Vorteil für den Moderator, in den Gruppendiskussionen sehr individuell auf Einzelfragen eingehen zu können. Die Methode stellt einen „missing link" im Methodenportfolio dar und ist gut auf verwandte Felder (z.B. Change-Management oder Diversity-Management) übertragbar.

 

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Autor

Oberstleutnant Dr. Uwe Ulrich (46 Jahre; Diplompädagoge) ist seit Dezember 2008 verantwortlich für den Aufbau und Betrieb der Zentralen Koordinierungsstelle Interkulturelle Kompetenz (ZKIkK) am Zentrum Innere Führung (ZInFü) in Koblenz.


Literatur

Thomas, Alexander & Kinast, Eva & Schroll-Machl (Hrsg): Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation. Band 1: Grundlagen und Praxisfelder, Göttingen, 2003.
Tomforde, Maren: Interkulturelle Kompetenz im Auslandseinsatz: Eine Anforderung an alle. In: MGFA (Hrsg.): Wegweiser durch die Geschichte. Auslandseinsätze. Potsdam 2010
Ulrich, Uwe: Interkulturelle Kompetenz in der Bundeswehr. In: Beck, Hans Christian (Hrsg.): Entscheiden, Führen Verantworten - Soldat sein im 21. Jahrhundert. Koblenz 2011. S. 100 ff.
Manz, Rolf: Interkulturelle Kompetenz - Schlüsselqualifikation für Auslandseinsätze der Bundeswehr. In: Unterrichtsblätter 50 (2011), 8, S. 281 - 290.